Erfahrungen bei der Versorgung mit individuellen CAD gefertigten und konfektionierten Rumpforthesen-Systemen

Funktionelle Rumpforthesen

Die Beeinflussung beziehungsweise die Korrektur des Sagittalprofils der Wirbelsäule mit Orthesen scheint einfach. Doch um Wirkung zu erzielen, müssen die Orthesen wichtige Kriterien erfüllen.

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Abb. 1: Zustand des Orthesenmoduls nach Anprobe. Anzeichnungen legen letzte kleine Änderungen fest. Die technischen Anforderungen (Anlagezonen und Freiräume), die indikationsbedingt an das Hilfsmittel (M. Scheuermann, thorakaler Typ) gestellt sind, werden alle umgesetzt.

Das biomechanische Design bis hin zur Materialauswahl und die damit direkt zusammenhängenden Festigkeitseigenschaften sind maßgebend für die Funktion und die Ergebnisse.

Patienten so wenig wie möglich invasiv und trotzdem mit der maximalen Funktion rumpforthetisch zu versorgen, ist das Ziel jedes Orthopädie-Technik-Teams.

Dies beginnt mit der Entscheidung, ob nach Gipsabdruck, mit CAD-Technik-Systemen oder mit konfektionierten Orthesen gearbeitet werden soll.

Um die Anforderungen einer korrigierenden oder statikverändernden Orthese zu erfüllen, müssen Rumpforthesen hohe funktionelle Eigenschaften besitzen.

Einstellmöglichkeiten für den Therapieverlauf und an alltagsspezifische Situationen sind obligatorisch.

Sind Reklinationselemente angebracht, müssen sie absolute Formstabilität sicherstellen.

Nachfolgend werden Versorgungs- Systeme aufgezeigt, die ohne Gipsabdruck, anhand von Körpermaßen mit individuellen, in CAD gefertigten oder konfektionierten Rumpforthesen-Systemen durchgeführt werden.

Das biomechanische Orthesen-Design (individuell oder konfektioniert) basiert in den aufgezeigten Beispielen auf denselben bewährten Konstruktions- und Funktionsprinzipien.

Vorbereitung, Ablauf, Anprobe

Für die individuellen, in CAD-Technik produzierten sowie für die konfektionierten Orthesen sind Körpermaße und Fotografien der vier klinischen Ansichten erforderlich. Die Orthesen werden anprobefertig geliefert und können direkt zur ersten Anprobe angelegt werden.

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Abb. 2: Fertiggestelltes Orthesenmodul zur Korrektur von M. Scheuermann, thorakaler Typ. Deutlich zu erkennen: Die Orthese besteht fast nur aus Elementen, die die Korrekturzonen bilden.

Der erste Schritt nach dem Anlegen des Orthesenrohlings ist die Kontrolle der grundsätzlichen Passform.

Danach wird überprüft, ob die Korrekturzonen der Orthese richtig sitzen und die erforderlichen Korrekturkräfte aufbringen. Daraufhin wird der Zuschnitt der Orthese festgelegt.

Es ist wichtig, die genaue Höhe und Fläche der Korrekturanlagen zu definieren. Sind diese nicht richtig eingestellt, werden die Korrekturbewegungen massiv eingeschränkt oder sind gar nicht erst möglich.

Im Gegenteil, es werden unerwünschte Kompressionseffekte erzeugt. Zum Schutz der Haut und zur Verstärkung der Korrekturdrücke sind Pads anzubringen.

Alle Materialüberstände am Basismodul, die nicht zur Funktionalität beitragen, können entfernt werden. Wichtig ist, dass die Steifigkeit der Rahmenkonstruktion an die aufzubringenden Korrekturkräfte angepasst sein muss.

Bei den Modulen mit Reklinationselementen folgt die Positionierung und Befestigung der anatomisch geformten und thermoplastisch anformbaren Reklinationsbügel.

Der Indikation entsprechend kann entschieden werden, ob diese durch einen Nylonverschluss adaptierbar angebracht oder fest verschraubt werden.

Der Vorteil bei der einstellbaren Variante ist, dass die Patienten den Korrekturdruck selbst anpassen können.

Indikation

Der Indikationsbereich der Orthesen-Module deckt die Behandlung von Fehlbildungen, degenerativen sowie traumatologischen und neurologischen Veränderungen der Wirbelsäule ab. Zudem werden im Speziellen die Module zur Beeinflussung der LWS zur Schmerztherapie eingesetzt.

Versorgungsbeispiele

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Abb. 3: Orthese zur Behandlung bei M. Scheuermann, thorakolumbaler Typ

Beispiel 1: M. Scheuermann, thorakaler Typ. Die Korrekturprinzipien der TLSO sind: Flexion / Delordosierung derlumbalen und Extension / Reklination der thorakalen WS.

Die Druckzonen hierfür sind: das Kreuzbein (so caudal wie möglich), medial der anterioren, superioren Spinen.

Ventrale Rippenanlage (Level: ca. neun und zehn), thorakaler Scheitelwirbel, Humeruskopfbereich.

Es ergeben sich den Anlagezonen entsprechend zwei Drei-Punkt-Systeme.

Damit der Brustkorb beim Atmen nach lateral, von den Korrekturzonen weg, expandieren kann, muss die Orthese genügend Expansionsraum gewährleisten.

Die Expansion (Henkelbewegung der Rippen) des Brustkorbes beim Einatmen nach lateral ist wesentlicher Bestandteil der Korrektur und muss sichergestellt sein.

Die Bewegung der lumbalen WS in der Frontalebene ist frei (Abb. 1 u. 2).

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Abb. 4: Patientin nach komplizierter thorakolumbaler Wirbelfraktur. Mit der Orthese ist die Ausübung des Berufes wieder möglich. Die einstellbaren Reklinationsbügel ermöglichen auch das Autofahren. Zur Fixierung der Rumpforthese ist ein Gurt am ventralen Rahmen ausreichend.

Beispiel 2: M. Scheuermann, thorakolumbaler Typ. Die Korrekturprinzipien der TLSO sind: Flexion / Delordosierung der lumbalen und Extension/Reklination der thorakolumbalen WS. Die Druckzonen hierfür sind: das Kreuzbein (so caudal wie möglich), medial der anterioren, superioren Spinen, thorakolumbaler Scheitelwirbel und der Humeruskopfbereich.

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Abb. 5: Patientin mit ausgeprägter Spondylolisthesis. Das Orthesendesign beschränkt sich ausschließlich auf die Funktionserzielung. Die Beckenaufrichtung und Veränderung der Statik ist bei angelegter Orthese deutlich zu erkennen.

Die Korrekturzonen bilden zwei sich überlagernde Drei-Punkt-Systeme: Ein kurzes Drei-Punkt-System zur lumbalen Korrektur und ein langes zur thorakolumbalen Aufrichtung.

Durch die langen Hebel (Anlage medial der Spinen – thorakolumbaler Scheitelwirbel – Humeruskopfbereich) kann die Korrektur wirkung der Orthese sehr effektiv eingestellt werden.

Die Lateralexpansion des Brustkorbes (Henkelbewegung der Rippen) ist sicherzustellen. Die Lateralflexion der lumbalen WS ist frei (Abb. 3 u. 4).

Beispiel 3: Spondylolisthesis / generell Delordosierung der LWS. Die Korrekturprinzipien der TLSO sind: maximale Flexion/Delordosierung der lumbalen WS. Die Druckzonen hierfür sind: das Kreuzbein (so caudal wie möglich), medial der anterioren, superioren Spinen, thorakale beziehungsweise thorakolumbale Anlage.

Um flexibel zu sein, werden die Module mit einer ventralen Rippenanlage geliefert. Es kann demzufolge bei der Anprobe entschieden werden, wie der Zuschnitt des Korsettmoduls festgelegt wird. Die Korrekturzonen bilden ein Drei-Punkt-System. Die Lateralflexion der lumbalen WS ist frei (Abb. 5 u. 6).

Ergebnisse und Erfahrungswerte aus der Praxis

Die primäre Passgenauigkeit und der Tragekomfort bei maximaler Funktion sind als herausragende Merkmale bei allen vorgestellten Systemen hervorzuheben.

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Abb. 6: Flektierende Orthese bei chronischer Schmerzsymptomatik der LWS. Die biomechanische Funktion der Orthese ist bei Betrachtung des Sagittalprofils gut überprüfbar.

Der komplette Versorgungsablauf ist sehr effektiv und unkompliziert. Die Vielseitigkeit der Grundmodule durch individuelle Zuschnittvarianten ist die Grundlage dafür.

Diese Eigenschaften sind ausschlaggebend für die hohe Compliance der Patienten und sind somit die Basis dafür, dass indikationsabhängige Tragezeiten ohne unnötigen Zeitverlust durch Anpassarbeiten aufgrund von Passform-Problemen erreicht werden.

Im postoperativen Einsatzbereich und zur Schmerztherapie sind diese Eigenschaften besonders von Nutzen.

Vorteile in der Praxis

Orthopädie-Technikern stehen hochfunktionelle Module mit einem großen Einsatzbereich zur Verfügung. Das herausragende biomechanische Design besticht durch seine Unkompliziertheit und Durchdachtheit bei uneingeschränkter Funktionalität. Die Orthesen-Module bestehen ausschließlich aus Elementen, die zur Erzielung der Funktion des jeweiligen Indikationsbereiches erforderlich sind.

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Abb. 7: Orthese zur Lordosierung bei deutlicher Abflachung der WS und damit einhergehenden Schmerzen. Obere Reihe: Versorgungsplanung. Die Orthese ist im Rohzustand mit Beckeneinfassung und weist großzügige Materialreserven auf, um die Individualität und Vielseitigkeit beim Zuschnitt und somit die Funktion, zu gewährleisten. Untere Reihe: fertiggestellte Orthese.

Alle Orthesen-Typen lassen sich in ihrer Funktion durch den spezifischen Zuschnitt exakt und jederzeit individuell einstellen.

Zur Einstellung des optimalen Korrekturdruckes eignen sich besonders die Zweischalen-Systeme der Baureihen.

Die ventralen und dorsalen Schalen werden bei der Anprobe am Patienten in A-P Richtung exakt zueinander eingestellt.

Die Orthesen-Module ermöglichen nach einer gewissen Einlernphase des Systems auch die Durchführung von komplexen Versorgungen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Zeitersparnis.

Die Maßnahme- und Anprobezeiten am Patienten verringern sich deutlich. Ebenso sind die Zeitaufwendungen für Änderungs- und Nach- arbeiten erheblich geringer. Andere Kompetenzbereiche und Freiräume können durch eingesparte Zeit ausgeweitet oder vertieft werden.

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Abb. 8: Patientin mit Skoliose nach Entfernung der stabilisierenden implantierten Instrumente aufgrund von Unverträglichkeit. Deutlich erkennbar die Verbesserung der sagittalen Statik und der einhergehenden Physiologisierung des Sagittalprofils. Ergebnis: Die Schmerzen sind deutlich reduziert und zudem ist mit der Orthese eine externe Stabilisierung der unteren LWS sichergestellt.

Fazit

Für spezialisierte Unternehmen ist das Ortholutions-Rumpforthesen-System eine sinnvolle Technik, die zur Steigerung der Effektivität wesentlich beiträgt.

Speziell für die orthopädietechnischen Unternehmen, die weniger Erfahrung mit komplexen rumpforthetischen Ver- sorgungen haben, stellen die Rumpforthesen-Systeme sinnvolle Ergänzungen und Erweiterungsmöglichkeiten des Versorgungsangebotes dar.

Der Vor-Ort-Service des Herstellers ist hierbei als Dienstleistung hilfreich.

Das Konzept garantiert eine maximale Versorgungssicherheit und die technische Unterstützung des Kompetenzteams des Herstellers.

Da kein Gipsabdruck erforderlich ist und die Module anprobefertig geliefert werden, hat sich das Versorgungs-System bei Hausbesuchen und im Besonderen bei Klinikversorgungen bewährt.

Das Ortholutions-Rumpforthesen-System trägt zu einem zeitgemäßen und professionellen Service am Patienten bei.

Der Autor: Dino Gallo/CPO-Diplom Orthopädietechnikermeister