Skoliose Musterklassifikation von Dr. Manuel Rigo

 

Dr. med. Hans-Rudolf Weiß; Dino Gallo; Jenny Voit

Einleitung

[caption id="attachment_2263" align="alignright" width="282"]skoliose klassifikation nach rigo b type TL Skoliose Typen der Rigo Klassifizierung.[/caption]

Goldberg et al. (2001) haben belegt, dass die amerikanischen Versorgungsstrategien die Operationsinzidenz in der Skoliosebehandlung nicht wesentlich vermindern können.

In ihrer Untersuchung zeigten sie, dass nicht nur die Milwaukee-Korsettversorgung, sondern auch die amerikanische TSLO- Versorgung den Anteil operierter Patienten nicht wesentlich hat beeinflussen können. Daher stellte sie die untersuchten Versorgungsstrategien zu Recht in Frage.

Obwohl im Vergleich mit anderen Orthesen als ineffektiv belegt (Rowe et al., 1997; Howard et al., 1998) wird das Charleston- Bending- Brace auch heutzutage noch aggressiv vermarktet (TrivedI und Thomson 2001; Gepstein et al. 2002; Bowen et al., 2001). Die Autoren geben Erfolgsquoten von ca. 60% an, können allerdings keine Kontrollgruppen vorweisen. Ferner wird der primäre Korrektureffekt im Korsett in keiner der zitierten Arbeiten erwähnt.

Daher ist die Qualitätskontrolle der Versorgung nicht objektiviert. Auch eine weitere Nachtversorgung (D’Amato et al., 2001) zeigt bei thorakalen und double major Krümmungen einen mit knapp über 63% mäßigen Behandlungserfolg, während allerdings Korsette für lumbale und thorakolumbale Krümmungen offenbar deutlich bessere Behandlungsergebnisse aufwiesen.

In dieser Arbeit werden zur Beurteilung der Qualität ausgezeichnete Korrektureffekte beschrieben, obwohl sich die Endergebnisse dieser Nachtversorgung nicht mit den Endergebnissen der zentraleuropäischen Korsette messen lassen kann (Weiß 1995; Landauer 1999; Weiß et al. 2000; Weiß et al. 2002). Leider verlieren auch andere amerikanische Studien zur Korsettversorgung ihre Aussagekraft, wenn auf die Dokumentation des primären Korrektureffektes im Korsett verzichtet wird (Howard et al., 1998; Karol 200; Katz u. Durrani, 2001).

[caption id="attachment_2266" align="alignright" width="282"]skoliose-rigo-klassifikation-ortholutions-t-types T1-6 Typen nach Rigo[/caption]

Dem gegenüber scheint in Zentraleuropa die Behandlungssicherheit deutlich größer. In einem Literaturreview (Weiß, 1995) konnte belegt werden, dass die primären Korrektureffekte der zentraleuropäischen Korsette den amerikanischen Versorgungsweisen überlegen waren und zu deutlich besseren Endresultaten führten.

Landauer (1999) belegte, dass die Compliance und der Korrektureffekt im Korsett für das Endresultat von ausschlaggebender Bedeutung sind. Diese erhöhte Behandlungssicherheit mit den zentraleuropäischen Korsetten führt zu einer hochsignifikanten geringeren Operationsquote (Weiß, 2002).

Alle Praxen und Zentren mit großer Behandlungserfahrung kennen das Problem, dass mit ähnlichen Korsetten manchmal ausgezeichnete, manchmal gar nur mangelhafte Effekte erzielt werden. Die ungünstigen Ergebnisse werden nicht gezeigt!

Die Ergebnisse waren bei der original Chêneau Bauweise wie auch im Deflektionskorsett statistisch gesehen recht gut (Weiß et al. 200; Landauer 1999), jedoch konnte im Einzelfall, wie bei der ursprünglichen Chêneau Versorgung auch beim Deflektionskorsett nicht immer geklärt werden, warum einige Korsette funktionierten und andere nicht!

[caption id="attachment_2247" align="alignright" width="282"]ergebnis-rsc-brace-skoliose-korsett-rogo-cheneau-ortholutions Mitte thorakal rechtskonvexe Krümmung mit statischer Dekompensation und hängender Schulter links; links das RSC Modell (Rigo-System-Chêneau), welches Dekompensation und Schulterschiefstand sichtbar korrigiert; rechts klinisches Bild nach 10-minütiger Tragezeit[/caption]

Die Operateure haben wegen häufiger Fehlplanungen die King Klassifikation verlassen und verwenden jetzt die Lenke Klassifikation, aus welcher Rigo die 15 Krümmungsmuster der Rigo Klassifikation abgeleitet hat.

Die Frage ist: Wie kann die Behandlungssicherheit bei der Korsettversorgung verbessert werden?

Die Antwort könnte lauten: durch die Verbesserung der Musterspezifität.

  • Chêneau: 3-/4-Bogig (Lehnert-Schroth 1981) - 2 Krümmungsmuster
  • Weiß: King Klassifikation (King et al. 1983) - 5 Krümmungsmuster
  • Rigo: Rigo Klassifikation - 15 Krümmungsmuster

Chêneau verwendet zur Korsettplanung lediglich zwei funktionelle Krümmungsmuster, welche keine ausreichende Behandlungssicherheit bieten. Auch die Anwendung der King Klassifikation hat die Behandlungssicherheit nicht wesentlich verändern können. Nunmehr steht zur Planung einer spezifischen Korsettversorgung die Rigo- Klassifikation zur Verfügung, welche aus der von chirurgischer Seite verwendeten Lenke Klassifikation abgeleitet ist, jedoch auf die Bedürfnisse des Korsettmechanikers zugeschnitten ist.

Musterklassifikation von Rigo

Versorgung mit CAD-gefertigten Rumpforthesen nach der Rigo Klassifikation

Für die Anpassung eines Chêneau Korsetts unter Verwendung der CAD-Technik nach dem RIGO-System benötigt man bestimmte statische und auch dynamische Messwerte, welche die Deformität und deren Aufrichtbarkeit beschreiben, ein aktuelles Röntgenbild (Ganzaufnahme im Stand) Fotos des Rumpfes (Rückansicht, evtl. auf Vorderansicht und die Seitansichten).

Danach werden die Daten via E-Mail zu den Experten geschickt, welche dann nach der Musterklassifikation von Rigo zunächst das Krümmungsmuster bestimmen, um dann das für dieses Krümmungsmuster, für das Patientenalter und die bestehende Krümmungsausprägung am ehesten geeignete Modul herauszusuchen. Erst danach wird an Hand der durchgeführten statischen und dynamischen Patientenvermessungen ein Schaummodell erstellt, welches Grundlage für die Endfertigung des Korsettes ist.

Das hergestellte Korsett wird ausgeliefert und es erfolgen dann Korsettanpassung und Nachbesserung im Rahmen der üblichen Teambesprechungen in der orthopädischen Praxis. Hierbei müssen Problemstellungen gelöst werden, welche durch die normale orthopädische oder auch orthopädietechnische Ausbildung nicht immer abgedeckt sind.

[caption id="attachment_2246" align="alignright" width="282"]skoliose-korsett-rsc-brace-rigo-cheneau-ortholutions_ Thorakal rechtskonvexe Krümmung mit statischer Dekompensation und
hängender Schulter links; mitte: Patient im RSC Brace in CAD Technik
(Rigo-System-Chêneau), Schulterschiefstand und Dekompensation sind charakteristisch
für das RSC Brace, korrigiert, der Rippenbuckel ist derotiert[/caption]

Da die höhergradige behandlungsbedürftige Skoliose ohnehin in der orthopädischen Praxis eine Seltenheit ist sollte das konservative Skoliosemanagement nur Behandlungsteams vorbehalten bleiben, welche über eine entsprechende Erfahrung, über eine entsprechende Patientenzahl und über eine entsprechende Weiterbildung in diesem Bereich verfügen. Um die hierfür notwendigen Kenntnisse zu vermitteln ist ein Kurs geplant.

Der Kurs ist für komplette Behandlungsteams gedacht, die ihre Skoliosepatienten auf höchstem Niveau betreuen wollen.

Hierzu ist es erforderlich, dass auch das komplette Behandlungsteam (Orthopäde, Orthopädietechniker und Physiotherapeuten, möglichst mit Schroth-Ausbildung) den Kurs absolviert und einen oder mehrere zu versorgende Patienten mitbringt. Die mitgebrachten Patienten sollten Korsettindikation haben und die Diagnose einer idiopathischen Adoleszentenskoliose.

Patienten mit anderen Skoliosen sind zusätzlich willkommen, damit auch deren konservatives Management gemeinsam besprochen werden kann.

Häufige Krümmungsmuster © M. Rigo

 

rigo-klassifizierung-skoliose-typen


Diskussion

In der Operationsplanung ist die King-Klassifikation verlassen worden, zumal diese fünf Krümmungsmuster für eine spezifische Operationsplanung nicht ausreichten. Mittlerweile ist die Lenke- Klassifikation (Lenke et al., 2001) in der Operationsplanung Standard geworden. Die von Rigo aus der Lenke- Klassifikation entwickelte Rigo- Klassifikation mit 15 unterschiedlichen Krümmungsmustern scheint deutlich spezifischer und wird möglicherweise in Zukunft zu einer besseren Versorgungssicherheit führen.

Die ersten Ergebnisse sprechen dafür, dass die Korrektureffekte unter Berücksichtigung der Rigo- Klassifikation deutlich besser sind, dass diese Korsette trotzdem bequemer sind und dass die primäre Passgenauigkeit im Gegensatz zu handgemachten Korsetten deutlich erhöht werden kann.

Die Korsettversorgung ist eine wirksame Maßnahme für das Aufhalten einer Krümmungszunahme. Der Korrektureffekt und die Compliance bestimmen das Endresultat. Bezüglich der Versorgungsstandards ist eine Qualitätssicherung von Nöten, welche zu einer größeren Versorgungssicherheit führen muss.

Die für die Korsettbehandlungszeit hochgradig beeinträchtigte Lebensqualität muss sich für die Betroffenen dadurch auszahlen, dass die kosmetischen Problemstellungen nachhaltig verbessert werden und dass eine Operation mit größtmöglicher Sicherheit verhindert werden kann!

 

Literatur

Bowen JR, Keeler KA, Pelegie S (2001) Adolescent idiopathic scoliosis managed by a nighttime bending brace. Orthopedics Oct:24(10):967-70

D’Amato CR, Girggs S, McCoy B (2001). Nighttime bracing with the Providence brace in adolescent grown-ups with idiopathic scoliosis. Spine 2001 Sep15;26(18):2006-12

Gepstein R, Leitner Y, Zohar E et al. (2002) Effectiveness of the Charleston benden brace in the treatment of single-curve idiopathic scoliosis. J Pediatr. Orthop, Jan-Feb;22(1):84-7

Goldberg CJ, Moore DP, Fogarty EE, Dowling FE (2001) Adolescent Idiopathic Scoliosis. The Effect of Brace Treatment on the Incidence of Surgery. Spine 1:42-47

Howard An, Wright JG, Hedden D (1998). A comparative Study of TLSO, Charleston, and Milwaukee Braces for Idiopathic Scoliosis. Spine 23: 2404-2411

Karol LA (2001) Effectiveness of bracing in male patients with idiopathic scoliosis. Spine, Sep 15;26(18):2001-5

Katz DE, Durrani AA (2001) Factors that influence outcome in bracing large curves in patients with adolescent idiopathic scoliosis. Spine, Nov 1:26(21):2354-61

King HA, Moe JH, Bradford DS, Winter RB (1983) The selection of fusion levels in thoracic idiopathic scoliosis. J Bone Joint Surg 65A: 1302-1313

Landauer F (1999) Ist die Therapie mit dem Chêneau-Korsett wirksam? In: Imhoff AB (Hrsg) Fortbildung Orthopädie 2. Die ASG-Kurse der DGO. Steinkopff, Darmstadt, pp 31-38

Lehnert-Schroth Ch (1981) Die „vierbogige“ Skoliose. Z. für Allgemeinmedizin 57:2227-2231

Lenke LG, Betz RR, Harms J et al. (2001) Adolescent idiopathic scoliosis: a new classification of determing the extent of spinal arthrodesis ???) J Bone Joint Surg Aug;83-A(8):1169-81

Trivedi JM, Thomson JD (2001) Results of Charleston bracing in skeletally immatue patientss with idiopathic scoliosis. J Pediatr Orthop May-Jun:21(3):277-80

Weiß HR (1995) Standard der Orthesenversorgung in der Skoliosebehandlung. Med Orth Tech 115: 232-330

Weiß HR, Rigo M, Chêneau, J (2000) Praxis der Chêneau-Korsettversorgung in der Skoliosetherapie. Thieme, Stuttgart

Weiss HR, Weiss G, Schaar H-J (2002) Conservative management in patients with scoliosis – does it reduce the incidence of surgery? In: Theodoros B. Grivas (Editor) Research into Spinal Deformities 4. IOS Press Amsterdam, pp 342- 347

Weiß HR, Weiß GM, Schaar HJ (2002) Operationsinzidenz bei konservativ behandelten Patientinnen mit Skoliose. Med Orth Tech 122: 148-155